Dienstag, 22. November 2016

Vom antizyklischen Investieren und Neandertalern

Wisst ihr wer in Sachen langfristiger Vermögensaufbau an der Börse euer größter Feind ist? Ihr selbst seid das größte Hindernis auf dem Weg zur finanziellen Freiheit! Ich weiß wovon ich spreche, da ich selber regelmäßig den Kampf gegen meinen inneren Neandertaler führe, der nur instinktiv (und oft irrational) handeln möchte. Die Schwierigkeit hierbei ist, dass dieses Verhalten seit Jahrtausenden tief in unseren Gehirnen verankert ist und das aus guten Gründen. Wenn damals der Säbelzahntiger aufgetaucht ist, waren es Millisekunden die über Leben und Tod entschieden haben. Blöderweise machen wir durch dieses instinktive Verhalten Sachen die als Börseninvestor absolut fatal sind. Ein ausgeprägter Fluchtinstinkt führt an der Börse z.B. fast immer zu Verlusten.

Bestimmt kennt ihr diese alte Börsenweisheit: „Günstig kaufen und teuer wieder verkaufen“. Klingt ja eigentlich ganz easy oder? Fakt ist allerdings, dass ein Großteil der (Privat-)Anleger genau das Gegenteil macht. Wenn die Kurse hoch sind wird gekauft, und wenn sie dann abschmieren wird verkauft. Leider ist dieses Verhalten ganz natürlich. Wenn es an der Börse eine sog. >Hausse< gibt, verfallen wir leicht der euphorischen Gesamtstimmung. Es fühlt sich einfach gut an in diesem Moment auch einzusteigen und zu kaufen. Haben wir hingegen eine >Baisse< an den Märkten, bekommen wir beim Blick ins Depot ein echt mieses Gefühl. Instinktiv wird ein Fluchtreflex ausgelöst und wir wollen nur schnell raus, raus, raus. Auf Verluste wird keine Rücksicht genommen. In diesem Moment auch noch Aktien oder ETF-Anteile (nach-)zu kaufen fühlt sich erst recht schlecht an. Dabei wäre z.B. 2008/2009 die beste Gelegenheit gewesen um ordentlich im Aktienmarkt zu investieren.

Der Schlüssel zum Erfolg heißt demnach antizyklisches Investieren. Also immer dann investieren, wenn die Kurse stark gefallen sind. Obwohl dieses „Erfolgsgeheimnis für Börsengewinne“ so einfach klingt, stellt sich diese Vorgehensweise in zweierlei Hinsicht als schwierig dar. Zum einen haben wir den psychologischen Effekt. Für die meisten ist es einfach verdammt schwierig auf das „Kaufen-Knöpfchen“ zu drücken, wenn der Markt um 10%, 20% oder mehr eingebrochen ist. Zu groß ist die Angst vor weiteren Kursrücksetzern. Zum anderen ist das Markttiming, also den Tiefpunkt genau zu erwischen, tatsächlich extrem schwierig. Meistens fallen die Kurse nach dem Kauf wirklich noch weiter oder sind vor dem Kauf schon wieder gestiegen. Es stellt sich also die Frage, ob es nicht einen leichteren Weg gibt vom antizyklischen Investieren zu profitieren?

Tatsache ist, es gibt wirklich einen Weg (insbesondere langfristig) die eigene Psyche zu überlisten und das Risiko vom schlechten Markttiming auszuschalten. Hierfür möchte ich euch ein konkretes Beispiel zeigen. Nehmen wir Mal an ihr hättet 6.000,00€ zum Investieren und habt euch schon die Aktie eines bestimmten Unternehmens rausgesucht (ich persönlich würde stattdessen direkt in einen breit aufgestellten Dividenden-ETF investieren). Die Aktie dieses Unternehmens wird aktuell für 60€ pro Stück gehandelt. Jetzt investiert ihr allerdings nicht die ganzen 6.000,00€ auf einen Schlag sondern pro Quartal 2.000,00€.

Beim ersten Mal bekommt ihr rund 33 Aktien für eure 2.000,00€. Dann gibt es eine negative Pressemeldung und der Kurs rutscht auf 35€ pro Aktie. Dieses Mal bekommt ihr bei eurem Kauf für denselben Betrag schon ca. 57 Aktien. Ein paar Monate später stellt sich heraus, dass es sich damals um eine Falschmeldung handelte. Alle reißen sich um die Aktien des Unternehmens, hierdurch schießt der Kurs auf 80€ pro Aktie hoch. Dieses Mal bekommt ihr für euer Geld nur noch 25 Stück.

Insgesamt habt ihr mit 3 Käufen für eure 6.000,00€ rund 116 Aktien bekommen:


Jetzt fragt ihr euch vielleicht warum das besser ist, als einfach direkt für 6.000,00€ Aktien zu kaufen? Schauen wir uns doch mal an, was der Unterschied beider Varianten ist. Beim ersten Mal erhaltet ihr für euer Geld genau 100 Aktien (=6.000,00€/60€). Beim zweiten Mal bekommt ihr für das gleiche Geld 116 Aktien. Das liegt daran, dass ihr einen Durchschnittspreis von 58,33€ pro Aktie gezahlt habt. Also rund 1,70€ weniger als beim einmaligen Direktkauf.

Diesen Effekt, meine Freunde, nennt man auch Cost-Average-Effekt. Durch das Aufteilen der Käufe ergibt sich ein Durchschnittspreis pro Aktie der günstiger ist als bei einem einmaligen Kauf. Noch besser funktioniert das Ganze, wenn ihr euch monatliche Sparpläne einrichtet (bei >Comdirect< ist das z.B. ab 25,00€ möglich und bei der >ING-Diba< ab 50,00€). Ihr profitiert dann nicht nur vom Cost-Average-Effekt sondern bekommt auch euren kleinen Neandertaler im Kopf in den Griff. Die monatlichen Sparpläne müsst ihr nämlich nur einmalig einrichten und dann einfach laufen lassen. Der Computer kauft jeden Monat ganz automatisch für den eingestellten Betrag für euch Aktien- oder ETF-Anteile. Egal ob die Kurse steigen oder fallen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass es natürlich auch Kritiker von dieser Theorie gibt. Teilweise wird sogar behauptet, dass es den Cost-Average-Effekt aus rein wissenschaftlicher Sicht gar nicht gibt. Ich bin der Ansicht, dass das sehr stark mit der Sichtweise und dem betrachteten Zeitraum zusammenhängt. Schauen wir uns z.B. die Aktienmärkte ab dem Tiefpunkt in 2009 bis Ende 2015 an, hatten wir einen ausgewachsenen Bullenmarkt. Die Kurse sind immer weiter gestiegen mit kaum erwähnenswerten Rücksetzern. Hätte man genau zum Tiefpunkt einmalig einen Betrag von 6.000,00€ investiert, wäre die Performance tatsächlich besser ausgefallen als bei der Variante mit mehrfachen Käufen über mehrere Monate oder Jahre.

Ab Anfang 2016 wurde es aber wieder volatil an den Märkten. Und genau in diesen Phasen zeigt sich die Stärke von monatlichen Sparplänen. Durch die hohen Kursschwankungen ergibt sich über einen längeren Zeitraum ein deutlich geringerer Durchschnittskurs als bei der Einmalanlage. Das bedeutet schlussendlich, dass umso länger der betrachtete Zeitraum ist, desto stärker der positive Effekt vom Cost-Average-Effekt ausfällt.

Wenn ihr übrigens der Meinung seid genug mentale Stärke zu besitzen, habe ich hier noch eine Idee für eine manuelle Variante. Ihr kauft für einen „Rumpfbetrag“ (z.B. von jeweils 500,00€) breit gestreute ETF’s von unterschiedlichen Regionen. Das könnten bspw. ein ETF auf den US-Markt, einer mit Unternehmen aus dem Euroraum, ein Emerging Markets ETF und ein ETF der nur Unternehmensanteile aus dem Raum Asia-Pacific hat sein. Die lasst ihr dann genau 12 Monate laufen. Im 13. Monat schaut ihr euch die Performance der unterschiedlichen passiven Indexfonds an. Und bei den beiden mit der schlechtesten Entwicklung, kauft ihr dann für jeweils 500,00€ Anteile nach. Das wiederholt ihr dann alle 12 Monate. Das wäre ein Paradebeispiel für antizyklisches Investieren.

Euer Finanzblogger
Philipp

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